Strohwitwer

Seit vorgestern bin ich nun also Strohwitwer. Meine Lebensabschnittgefährtin (Herrgott, lass sie niemals diesen Blog finden) probiert sich für sechs Monate in der weiten Welt. Meine einstigen Kommilitonen werden jetzt bewundernd aufschauen und mich beglückwünschen zu einer Freundin, die es sich vornimmt, ein halbes Jahr in einer Kneipe zu verbringen. Freunde, lasst euch gesagt sein, die weite Welt ist in diesem Fall kein Anlaufpunkt im Ostwestfälischen. Die weite Welt ist dort, wo sich das Wasser angeblich gegen den Uhrzeigersinn in den Abfluss schlängelt, dort wo jetzt Sommer ist und eben nicht dieses fies nasskalte, bald schlammmatschige Winterdepressionswetter.
Man kann sagen was man will, aber den Zeitpunkt hätte sie auch schlechter wählen können. Zumindest aus meinem Blickwinkel betrachtet. Gerade ihre Muttiiiii weiß nicht, wie sie Weihnachten ohne Ihre Tochter überstehen soll. Da ich Weihnachten traditionell bei meinen Eltern unterm Weihnachtsbaum (natürlich vollkommener Mist. Daneben! Habe noch niemanden Weihnachten unterm Weihnachtsbaum liegen sehen. Okay, meinen Vater vor ein paar Jahren, als er nach zu vielen Mariacron >>>frohe, hicks, Weihnachten<<< auf die Idee kam, den Weihnachtsbaum zu gießen und dabei das halbe Wohnzimmer überflutete. Aber das ist ja nun mal nicht die Regel und rechtfertigt daher auch nicht diese sachlich falsche Ausdrucksform, die nun aber doch viel zu weit verbreitet zu sein scheint), in der Notaufnahme (Fußball spielen am Heiligen Abend birgt nun mal gewisse Risiken) oder bei Ulli im Rock-Café verbringe, stellt ihre Abwesenheit über die Feiertage für mich in diesem Fall keine große Abwandlung meiner Gewohnheiten dar. Viel mehr erspart es mir schlaflose Nächte, die ich diesmal nicht für die Geschenkideenfindung einplanen muss.
Strohwitwer. Dieses Wort war bis letzte Woche gar kein Teil meines aktiven Wortschatzes. Klar, ich hatte es schon mal gehört, war mir sogar dessen Bedeutung bewusst. Aber selbst genutzt hatte ich dieses Wort bisher kein einziges Mal. Marc hat es aber jetzt angewandt. „Wie ist es so als Strohwitwer?“ Okay, Marc ist deutlich älter als ich es bin. Fünf Jahre, fünf Monate und 13 Tage, was ja wiederrum fast eine Drittelgeneration ist. Und Marc kommt vom Dorf, bzw. aus einer Stadt, in der sich dörflich verhalten wird. Schützenfest, Jahrmarkt und all diese peinlich anmutenden, wiederkehrenden Veranstaltungen, bei denen man so radikale Worte wie Strohwitwer verwendet. Aber dieses Wort ist nun mal voller Dramatik und ich frage mich, ob es mir als jemand, der nicht weiß dass er Strohwitwer ist sondern nur die Erkenntnis besäße, dass die eigene Freundin für sechs Monate im Ausland ist, besser erginge.
Wobei es mir momentan alles andere als schlecht geht. Ich habe seit gestern eine TKP (ich liebe diese Abkürzung) und eine Mikrowellenlasagne als Hauptmahlzeiten zu mir genommen. Das, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen wie ungesund es doch sei. Ich habe ohne Widerworte gestern den ganzen Abend  DSF geschaut. Und heute kann ich durch Foren und Blog schlendern; ohne ein einziges „Du und dein 1. FC Köln“ von der anderen Seite des Sofas zu vernehmen.
Nein, schlecht ist das mit Sicherheit alles nicht. Noch nicht. Mal abwarten, wie lange es Spaß macht Strohwitwer zu sein.

Dieser Blog soll ein Selbstversuch sein, eine Reflektion auf die Highlights, die ich mir für die nächsten Monate vorgenommen habe. Und insbesondere bin ich auf mich selbst gespannt, wie sehr das Feuer des Schreibens und der Wortakrobatik noch in mir brennt.

Mein erstgesetztes Highlight steht schon am Freitag ins Haus. Zu Haus. Gegen die SG Dynamo Dresden.

Erwartend das was kommt!
Moses Psychone